Freitag, 2. März 2012

Der Junge, der Fuchs und das letzte Wiedersehen

Der Junge, der Fuchs und das letzte Wiedersehen


Sie waren an einem wunderbaren Ort. Eine art Höhlengang, aber er war nicht dunkel. Es schneite von der Decke. Die Flocken die hinab fielen leuchteten in allen Spektralfarben, und lösten sich auf, sobald sie den Boden berührten. Einige lösten sich aber nicht auf, und blieben auf der weißen Schneedecke am Boden liegen. Sie blinkten dann in allen Regenbogenfarben und leuchteten die Höhle aus. Die Fußspuren von dem Jungen und dem Fuchs zogen sich nun durch den länglichen, breiten Gang.

Sie gingen auf ein Portal zu, das mitten im Raum stand und in dem ganz langsam eine hellblau- türkise Materie pulsierte. Sie blieben stehen. Ihre Augen leuchteten von dem grellen Licht, während sie es bewunderten. "Was ist das?", fragte der Junge den Fuchs. "Wo sind wir hier?" "Das ist ein Zeitportal", antwortete der Fuchs. "Ein Zeitportal?" Der Junge ging näher an das Portal heran und berührte die Materie mit seiner Hand. "Es.. fühlt sich seltsam an." "Bist du bereit?", fragte der Fuchs. "Bereit?", erwiderte der Junge mit fragendem Blick, 

                                                            "bereit wofür?"  

Der Fuchs tappte ein paar Schritte näher, selbst seine dunkel braunen Augen leuchteten jetzt in hellem Türkis. "Du weißt ich bin immer bei dir. Niemand der Menschen außer dir kann mich sehen. Und ich habe dir versprochen, dich auf deinem Weg durchs Leben zu begleiten. Dazu gehört auch dir den Weg zu weisen, wenn du dich verlaufen hast. Schmerz zeigt dir immer, dass etwas nicht richtig ist. Das ist eine Grundregel die du nicht vergessen darfst, egal wo, wann und wie du darauf triffst."

Der Junge trat einen Schritt zurück und musterte den Fuchs. Aus dem Portal erklangen wunderschöne Töne. Dann plötzlich, sah er eine Hand aus dem Portal schimmern. Die Hand streckte sich aus. "S.. soll ich etwa.. ?" "Ja, zieh sie raus", erwiderte der Fuchs. "Sie?", fragte der Junge und griff nach der Hand. Als er an der Hand zog, fiel ein Mädchen aus dem Portal und landete auf ihm. Er erstarrte als er ihr Gesicht erkannte.

"Was .."
"Erkennst du mich etwa nicht?" 
"Doch aber.. wie .. kommst du hierher?" 
"Spielt das denn eine Rolle?",

fragte sie mit leicht angezogenen Augenbrauen und traurigem Blick. Die Klänge aus dem Zeitportal verdichteten sich zu einer schönen Melodie, und von den leuchtenden Spektralflocken fielen plötzlich noch viel mehr herab. Sie waren jetzt beide komplett eingehüllt in den Farben und den Klängen, es war wie Regenbogennebel um sie herum. Die Höhle war kaum noch hindurch zu sehen. Er sah, wie der Fuchs dort draußen saß. Er nickte.

"Ich bin aus deiner Erinnerung", sagte sie. Er drehte sich wieder zu ihr.
"Aus meiner Erinnerung?", fragte er aufgeregt, "das heißt, du bist nicht echt?" "Doch, aber nicht in der Welt in der du lebst. Ich bin ein Teil der Vergangenheit, ein Teil deiner Erinnerung." Ihre Augen wurden glasig und ein paar Tränen kullerten an ihrer Wange hinab.
"Ich.. vermisse dich", sagte er leise.

Sie brach in Tränen aus und umarmte ihn: "Ich wünschte so sehr ich könnte heute noch immer bei dir sein, aber es geht nicht. Ich vermisse dich auch, genau so sehr wie damals. Ich wünsche mir nichts mehr als Zeit mit dir zu verbringen und dich zu sehen. Ich wollte dich nie verlieren. Nie. Es tut mir so leid dass mein heutiges ich dir das nicht zeigen kann, aber du musst mir glauben. Vergiss mich nicht."
Der Junge begann nun auch zu weinen. "Hast du dich wirklich in mich verliebt?", fragte er sie. "Ja, das hab ich", erwiderte sie leicht zögernd aber entschlossen, und streichte ihm mit der Hand über die Wange. Sein Herz raste. Ihre Augen - ihr Blick - alles war wie damals. Es war, als gäbe es einen Weg zurück. Als wäre es echt.

"Es war mein Fehler", sagte er mit schwacher Stimme, "ich habe dir damals nicht gesagt, dass du mir nicht weniger bedeutest, als ich dir bedeute. Ich wollte warten. Aber ich wusste doch nicht, dass das die komplette Zukunft auf den Kopf stellen würde. Dass ich es nie wieder rückgängig machen kann und alles sich verändern wird."

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange uns sah ihn mit Tränen in den Augen an: "Wenn ich in deine Welt könnte, würde ich zu meinem heutigen Ich gehen und ihr sagen, dass sie sich an das erinnern soll, was ich bis heute immernoch bewahre. Dass es da mal ein anderes >>Ich<< gab. Aber das geht nicht, weil ihr schon so weit weg von mir seid. Ich bin hier in der Vergangenheit gefangen, es gibt für mich keinen Weg hier raus. Aber solange du das in deinem Herzen weißt und mich nicht vergisst, ist alles okay."

Er umarmte sie sanft, legte seine Stirn an ihre und beide schlossen ihre Augen. Es war ein magischer Moment. Es war so unfassbar, dass sie so wie damals vor ihm stand. Dass er sie noch einmal wiedersehen konnte, als wären all die Veränderungen der vergangenen Wochen ungeschehen. Jetzt verstand er, was der Fuchs von ihm wollte.

"Ich würde dich gern nicht vergessen. Aber ich muss. Du bedeutest mir die Welt, aber du bist nicht da. Und wenn ich an dir festhalte, werde ich zugrunde gehen. Ich würde mich nach etwas sehnen, dass es in meiner Welt nicht gibt. Egal was ich mache, selbst wenn ich an das andere Ende der Welt reisen würde, ich würde dich niemals finden. Nirgends. Weil es dich nicht gibt." Sein Blick wurde strenger. Er versuchte seine Tränen zurückzuhalten und biss sich auf die Unterlippe.

          Die Farbsphäre um sie herum fing an zu stottern und zu beben. Die Klänge verloren an Schönheit.

"Aber wie kannst du sowas sagen?", rief sie erschrocken mit Tränen in den Augen. "Nicht,"-
Er streichelte ihr sanft über den Mund. "Verzeih mir. Du bedeutest mir die Welt... Vergiss du das nicht. Dir kann es nicht schaden. Du existierst nur in meinem Kopf in meinen Gedanken, und in der Vergangenheit. Es ist Zeit loszulassen. Ich bin dankbar, dass ich dich noch ein letztes Mal sehen durfte, bevor .. es sein Ende nimmt. Du warst mir der liebste Mensch auf Erden. Ich hab mich nirgends wohler gefühlt." "Aber..", wollte sie erwidern. Doch er küsste sie auf den Mund bevor sie weitersprechen konnte. Sie schloss die Augen und weinte, während sie den letzten Kuss spürten. Die Sphäre um sie herum fing an zu zerbrechen, und auch sie löste sich langsam auf. Sie sahen sich ein letztes mal in die Augen, voller Sehnsucht und Trauer in ihren Blicken. Dann zerbrach sie mit der Sphäre in Spektralfarben und löste sich auf. 


Plötzlich fiel der Junge in einen leeren weißen Abgrund und landete unsanft in einer Schneedecke, mit dem Gesicht nach unten. Vor Schmerzen stöhnend wollte er aufstehen, doch über ihm war so etwas wie eine art Wand. Er konnte nicht aufstehen.

"Du musst graben," hörte er die Stimme des Fuchses leise durch den Schnee dringen. Also grub er nach unten, und kam mit dem Blick nach oben wieder vor dem Höhlengang raus.
"Siehst du, du hast es doch überstanden", sprach der Fuchs und lächelte.
Der Fuchs biss sanft in den Arm des Jungen und zog ihn rückwärts laufend aus dem Schnee: "Jetzt komm da endlich raus, es gibt noch eine Menge zu erledigen. Wir haben noch dein ganzes Leben vor uns. Es geht weiter und weiter. Da draußen wartet die ganze Welt auf dich!" Als der Junge draußen war, und auf dem Boden kniete, umarmte er den Fuchs um den Hals. 

 "Sie wird mir fehlen." - "Natürlich wird sie das." 

Das Portal stand dort dunkel im Raum. Von der Atmosphäre die vorher herrschte, war kein Stück mehr übrig. Die Materie war als Form in das Portal hinein geschmolzen. Nur noch der bunte Schnee war übrig und fiel weiterhin im Gang hinab.

Der Junge blickte noch ein Mal zurück, lächelte, und verließ dann mit dem Fuchs den Höhlengang, durch einen weißen Nebel in dem sie immer kleiner wurden, bis sie irgendwann verschwanden.






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