Ein Großteil unseres Lebens besteht aus unserer Vorstellung. Aus Erwartungen. Eine fixe Idee der Zukunft. Wen wir wann treffen, was aus einer Beziehung zwischen uns und irgendwem wird. Wie unser Leben eines Tages aussehen wird.
Aber die Realität stimmt oft nicht mit unseren Wunschvorstellungen überein. Nicht mit dem, was wir für selbstverständlich halten und auch nicht mit dem, was wir von ganzem Herzen hoffen.
Oft heißt es loslassen. Oft heißt es weitergehen. Und manchmal trifft uns sogar, dass etwas vorbei ist, bevor es überhaupt erst begonnen hat. Auch das ist ein großer Teil des Lebens. Keine Kontrolle zu haben.
Und doch sind unsere Entscheidungen wichtig. Jede noch so kleine Handlung kann eine Kette von Ereignissen auslösen, welche die Zukunft neu formt. Die Zukunft ist ungeschrieben. Was wir tun oder nicht tun wird unser Leben immer verändern. Auch Entscheidungen die wir gar nicht aktiv treffen, sondern einfach nicht treffen, sind Entscheidungen die Konsequenzen haben werden.
Das Leben ist wie ein riesiger Sturm aus Zeit, aus Lebenslinien die sich Kreuzen, gemeinsamen Kapiteln die für einen kurzen Abschnitt des Lebens geschrieben werden, aus Abschied, Trauer und Einsamkeit, aus Hoffnungen, aus Ungewissheit, aus Liebe und irgendwo da drin, genau in der Mitte, sind wir, auf der Suche nach unserem besten Weg hindurch.
Ich kann mich erinnern;
wie wir durch die Maisfelder liefen, wie wir auf den Hügeln unter dem Sternenhimmel lagen. An die Blätter der kleinen Bäume die im grellen Licht der umliegenden Fabriken aufleuchteten. An das goldene Mondlicht, welches Nachts in mein Zimmer fiel.
Ich sehe es vor mir;
wie wir ihn entlang gingen, den endlosen schwarzen Weg.
Geschmückt mit Abenteuern und Orten, die unsere Fantasie befeuerten.
Und wir waren noch so voller Wissensdrang, und frei von Kummer.
Alles um mich herum war so lebendig. Jeder lachte. Die Orte und Jahreszeiten waren vielzählig, alles steckte voller Hoffnung und Erwartungen.
Und dann stand sie vor mir;
Die Zeit, und sagte mir, ich müsse gehen, weil Glück nicht für immer hält.
Unter Tränen fragte ich, kann ich denn nicht bleiben?
Doch die Zeit blieb stumm. Und alles verschwand.
Heller, seltener Schnee fällt langsam herab und legt sich sanft verschlingend über alles von Menschen erschaffene. Die Stadt versinkt. Ich wandere durch die Orte an die es niemanden zieht, mein Fieber hält mich warm. Blackouts, immer wieder. Ich kämpfe dagegen an.
Was wird von mir übrig sein, wenn ich nicht mehr bin?
Ich hinterlasse kein Vermächtnis. Mit einem Fingerschnipp wird mein Leben, meine Existenz, mein gesamtes dasein verschlungen sein. Als hätte es mich nie gegeben, und innerhalb von dem Bruchteil einer Sekunde wird die Erde sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit um sich selbst drehen und zugrunde gehen, weil die Zeit sich durch meinen Tod auflöst.
Die Vergangenheit.. ich vermisse sie. Sie tanzt vor meinen Augen, und doch kann ich sie nicht greifen. Bedeutungslosigkeit. Wenn mein Körper loslässt, möchte ich an den Ort meiner inneren Welt fliehen und dort verweilen. Wo auch immer das sein mag, bei unendlicher Zeitspanne wird vielleicht irgendwann jemand in meinen Traum hinabsteigen und in mir einen Freund finden.
Warmer Regen in einer kalten Nacht, niemand da der dir gleicht.
Deine Suche endet hier.
Schoßkind der Hoffnung zu sein bedeutet nur dass sie da ist, nicht dass sie je erfüllt wird.
Du betrittst Erinnerungen denen der Körper nicht folgen kann, und siehst sie schimmernd in ihrer Vollkommenheit, so wie sie einst waren.
Du greifst nach ihnen doch sie vergehen. Du eiferst ihnen nach doch die Zeit stemmt sich gegen dich.
Und so sehr du dir wünscht dass es anders wäre, so sehr wird es das nie sein. Denn das Schicksal sieht dich nicht, weil du auf entlegenen Pfaden wanderst.
Mein Inneres strahlt wärme aus. Als hätte ich Fieber. Jenes Fieber das einen schwächt, wärmt, und langsam in den Schlaf wiegt. Nicht mehr bewegen, nicht mehr denken. Wie ein liebevolles Koma das einen sanft zudeckt. Mentale Räumlichkeit. Betäubt. Intakte Kommunikation. Du empfängst dieses Signal aus meinem Körper, jetzt, in diesem Moment. Was sich nun in dir befindet ist meinem Körper entsprungen. Wo >ich< bin? Ich weiß es nicht. Im Herzen, im Gehirn, eine Seele oder in all den kleinen elektrischen Impulsen die durch meinen Organismus fließen.
Meine Realität fühlt sich benommen an. Wird relativ. Ich sehe meinen Körper im Weltall treiben, zwischen funkelnden Sternen und buntem Nebel, umgeben von den Klängen die wir hören. Wir beide. Denn Zeit sind nur vier voneinander getrennte Ziffern, und wir sind die Summe unserer Gedanken. Wann immer du dich in meiner Gedankenwelt befindest, bin auch ich dort. Versinke in meinen Worten wie in Treibsand. Lass dich verschlucken. Betrete mein Inneres. Finde mich.
Schon so lange fort, und noch immer nicht zurück.
Ich sehne mich nach dem fernen Tag, an dem ich dich wieder in den Arm nehmen kann.
Im kristallklaren farbreichen Regen unserer zerschollenen Träume,
musste ich dich loslassen.
Aber die Erinnerung an dich blieb in mir,
und ein Universum aus Zeit tat sich auf.
Deine Hand auf der einen Seite und meine auf der anderen,
und das Herz wird wieder beginnen zu schlagen;
und die dunkle Welt wird ihr Leuchten wiedererlangen.
Ich stand dort. Mit meinem weißen Hemd, der roten, sorgfältig gebunden Krawatte, der schwarzen Anzughose mit Gürtel und den dazu passenden schwarzen Anzugschuhen. Ich stand dort am Fenster in meiner fünfzehn- minütigen Pause zum Durchatmen, und blickte in den quadratförmigen Innenhof, der von dem Gebäude umschlossen wurde und oben unter freiem Himmel endete. Man stelle sich aber keinen klassischen Innenhof im Erdgeschoss vor, in dem man sich bewegen könne.
Es war ein Innenhof in der zweiten Etage der nichts weiter als eine undurchsichtige, dreieckige Glaspyramide beinhaltete, unter welcher sich die großen Räumlichkeiten befanden, in denen wir unsere Gäste empfingen. Aber in diesem Moment spielte der ganze Rubel dort unten keine Rolle.
Ich blickte wie durch einen großen offenen Tunnel nach oben in den Himmel, welcher bloß noch durch ein kaum sichtbares Netz bedeckt war, welches aufgespannt wurde damit keine Vögel in den Innenhof fliegen konnten. Auf die Fenster der vierten Etage, hinter der sich lange Korridore entlangzogen, fiel die Sonne.
Alles was ich sah, war der hellblaue Himmel. Und eine kleine Wolke. Eine kleine Wolke die den ganzen Himmel für sich allein hatte, wenn auch nicht für immer, aber für diesen einen Moment. Natürlich nur in dem Ausschnitt den ich sah. Doch obwohl ich durch ein obgleich nur leicht sichtbares Netz und von vier Gebäudeseiten umgeben auf diesen Moment schaute, fühlte es sich nicht befangen an.
Es fühlt sich frei an. Unendlich frei. Als könnte ich einmal hinaufsehen und dann dort oben im endlosen hellblau des Himmels verschwinden. Frei von allem. Weit weg in wundervoller hellblauer Wärme.
Doch ich stand in einem dieser Korridore und starrte in meinem weißen Hemd, der wirklich sorgfältig gebundenen, roten Krawatte, der schwarzen Anzughose und den dazu passenden Anzugschuhen, durch ein Netz hindurch auf eine Wolke am Himmel, welche all die Freiheiten hatte die ich nicht hatte.
Aber ihre Freiheit war nur von kurzer Dauer.
Und meine Freiheit? Gleicht meine kurze Freiheit der ihren, wenn ich für einen Tag ausgehe? Haben wir beide nur einen kurzen Moment für uns, bevor wir uns wieder fügen müssen?
Es ist das Gleiche. Es ist Freiheit durch ein Netz hindurch, umgeben von Wänden,
nur ein kurzer Ausschnitt, aber sie ist da und für diesen Augenblick unsterblich.
Als mein Blick auf die Fenster der Korridore fiel, erinnerte ich mich zurück an meine Schulzeit. Damals waren alle diese Fenster die Fenster zu Klassenräumen. Klassenräume, in denen Kinder die heute keine Kinder mehr sind die schönste Zeit ihres Lebens hatten. Und hinter irgendeinem dieser Fenster in irgendeiner Klasse gab es irgendwen, der an einen dachte, den man mochte. Auf den man sich freute, die Pause gemeinsam verbringen zu können. Und man wusste, dass die anderen das auch taten.
Als Kind sah ich oft bei Regen aus dem Klassenfenster raus, nahm die frische Luft wahr und sah mir die Baumkronen an, wie sie den Regen auffingen. Oder Muster, die die Sonne auf Gras und Sand warf. Ich weiß nicht wieso. Damals hat man sich nicht gefragt wieso, man hat es einfach genossen. Viele können das heute nicht mehr. Ich kann es noch.
Wenn ich zu Gebäuden hinaufblicke werde ich oft an meine Kindheit erinnert. Ich habe damals wohl oft zu Bäumen oder Gebäuden hinaufgesehen.
Aber heute sind das keine Klassenzimmer mehr. Heute sind es leere Fenster hinter Korridoren. Und ich stehe hier, mit meiner wirklich toll gebundenen, roten Krawatte, dem weißen Hemd, der schwarzen Anzughose und den dazu gut passenden schwarzen Anzugschuhen.
Bring die Welt zu Fall. Deine Träume brauchen Ruhe.
Und jeder noch so große Schritt von dir versinkt in ihrer Summe.
Gedanken entspringen dem Wesen deiner Natur. Du wanderst.
An jenem Tag wirst du feststellen, dass die Gunst nie für dich ausgelegt war.
Du siehst einen alten Sommer vor dir, der nicht mehr deiner ist.
Und wenn das letzte rotbraune Blatt vor dir auf dem Boden liegt,
wird auch deine Sonne schwinden.