Sonntag, 1. Mai 2016

Der Innenhof

Ich stand dort. Mit meinem weißen Hemd, der roten, sorgfältig gebunden Krawatte, der schwarzen Anzughose mit Gürtel und den dazu passenden schwarzen Anzugschuhen. Ich stand dort am Fenster in meiner fünfzehn- minütigen Pause zum Durchatmen, und blickte in den quadratförmigen Innenhof, der von dem Gebäude umschlossen wurde und oben unter freiem Himmel endete. Man stelle sich aber keinen klassischen Innenhof im Erdgeschoss vor, in dem man sich bewegen könne.

Es war ein Innenhof in der zweiten Etage der nichts weiter als eine undurchsichtige, dreieckige Glaspyramide beinhaltete, unter welcher sich die großen Räumlichkeiten befanden, in denen wir unsere Gäste empfingen. Aber in diesem Moment spielte der ganze Rubel dort unten keine Rolle.

Ich blickte wie durch einen großen offenen Tunnel nach oben in den Himmel, welcher bloß noch durch ein kaum sichtbares Netz bedeckt war, welches aufgespannt wurde damit keine Vögel in den Innenhof fliegen konnten. Auf die Fenster der vierten Etage, hinter der sich lange Korridore entlangzogen, fiel die Sonne.
Alles was ich sah, war der hellblaue Himmel. Und eine kleine Wolke. Eine kleine Wolke die den ganzen Himmel für sich allein hatte, wenn auch nicht für immer, aber für diesen einen Moment. Natürlich nur in dem Ausschnitt den ich sah. Doch obwohl ich durch ein obgleich nur leicht sichtbares Netz und von vier Gebäudeseiten umgeben auf diesen Moment schaute, fühlte es sich nicht befangen an.

Es fühlt sich frei an. Unendlich frei. Als könnte ich einmal hinaufsehen und dann dort oben im endlosen hellblau des Himmels verschwinden. Frei von allem. Weit weg in wundervoller hellblauer Wärme.
Doch ich stand in einem dieser Korridore und starrte in meinem weißen Hemd, der wirklich sorgfältig gebundenen, roten Krawatte, der schwarzen Anzughose und den dazu passenden Anzugschuhen, durch ein Netz hindurch auf eine Wolke am Himmel, welche all die Freiheiten hatte die ich nicht hatte.
Aber ihre Freiheit war nur von kurzer Dauer.

Und meine Freiheit?
Gleicht meine kurze Freiheit der ihren, wenn ich für einen Tag ausgehe?
Haben wir beide nur einen kurzen Moment für uns, bevor wir uns wieder fügen müssen?

Es ist das Gleiche. Es ist Freiheit durch ein Netz hindurch, umgeben von Wänden,
nur ein kurzer Ausschnitt, aber sie ist da und für diesen Augenblick unsterblich.

Als mein Blick auf die Fenster der Korridore fiel, erinnerte ich mich zurück an meine Schulzeit. Damals waren alle diese Fenster die Fenster zu Klassenräumen. Klassenräume, in denen Kinder die heute keine Kinder mehr sind die schönste Zeit ihres Lebens hatten. Und hinter irgendeinem dieser Fenster in irgendeiner Klasse gab es irgendwen, der an einen dachte, den man mochte. Auf den man sich freute, die Pause gemeinsam verbringen zu können. Und man wusste, dass die anderen das auch taten.

Als Kind sah ich oft bei Regen aus dem Klassenfenster raus, nahm die frische Luft wahr und sah mir die Baumkronen an, wie sie den Regen auffingen. Oder Muster, die die  Sonne auf Gras und Sand warf. Ich weiß nicht wieso. Damals hat man sich nicht gefragt wieso, man hat es einfach genossen. Viele können das heute nicht mehr. Ich kann es noch.

Wenn ich zu Gebäuden hinaufblicke werde ich oft an meine Kindheit erinnert. Ich habe damals wohl oft zu Bäumen oder Gebäuden hinaufgesehen.

Aber heute sind das keine Klassenzimmer mehr. Heute sind es leere Fenster hinter Korridoren. Und ich stehe hier, mit meiner wirklich toll gebundenen, roten Krawatte, dem weißen Hemd, der schwarzen Anzughose und den dazu gut passenden schwarzen Anzugschuhen.




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